Kreativität braucht Raum

Ist Ihr Tag durchgetaktet mit Terminen und dem Abhaken von To-Do-Listen? Sind Sie erschöpft, gestresst und reagieren oft ungeduldig und gereizt? Vielleicht halten Sie Ihren «Motor» nur noch mit Kaffee und Nikotin am Laufen. Und wenn Sie dann doch mal etwas Zeit für sich haben, kreisen Ihre Gedanken weiter über dem Berg an Arbeiten, der noch zu erledigen ist, so dass Sie die Pause nicht wirklich geniessen und zur Erholung nutzen können.

Erleben oder Erledigen?
Bestimmt haben Sie schon einiges unternommen, um aus diesem «Hamsterrad» auszubrechen. Vielleicht machen Sie regelmässig Yoga, meditieren oder finden Ihre Entspannung in der Natur, beim Sport, beim Musizieren, beim Austausch mit Freunden. Wunderbar, dann haben Sie einen Ausgleich gefunden, einen Weg, wie Sie sich vom Leben berühren lassen und in einen echten Kontakt mit sich und der Umwelt treten können.
             Vielleicht aber nehmen Ihre Termine und To-Do-Listen in Ihrem Leben bereits derart viel Platz ein, dass Sie meinen, sich keine Auszeit erlauben zu können. Sie funktionieren, statt zu leben, ignorieren Körpersymptome und Gefühle, die Ihnen signalisieren, dass Sie sich immer weiter von sich selbst entfernen. Schliesslich vergessen Sie, woran Sie eigentlich Freude hätten. Sie vergessen, wie sich Spass und echtes Erleben anfühlen. Innere Einsamkeit und Leere machen sich breit. Sie sind auf dem besten Weg ins Burnout.

Lassen Sie sich berühren
Der erste Schritt zu einem erfüllteren Erleben ist innehalten, einen Moment stehen bleiben und einfach nur beobachten. Was denke, fühle, spüre ich? Gefällt mir, was ich wahrnehme? Oder werfe ich die Tür gleich wieder zu? Auch wer sich noch nicht so weit von sich selbst entfernt hat, um nicht mehr zu wissen, was Freude macht, so leben wir doch alle in einem mehr oder weniger engen Korsett aus Bewertungen und Vorschriften, inneren und äusseren Regeln und Zwängen, wie wir was zu tun, zu fühlen und zu denken haben.
             Echter Kontakt, Berührung ist aber nur möglich, wenn wir beim Beobachten bleiben, ohne zu werten und beurteilen. Wenn wir einfach nur hinschauen und feststellen, ohne Massnahmen zu ergreifen, ohne in die Handlung zu gehen. Beobachten und aushalten, was da gerade ist. Gefühle und Gedanken kommen und ziehen zu lassen, ohne darauf zu reagieren. Wer meditiert und/oder das Begleitete Malen praktiziert, kennt dieses befreiende und nährende Gefühl, im Hier und Jetzt zu sein, sich selbst und die Umgebung für einen Moment kritiklos anzunehmen.

Kreativität braucht Raum
Durch wertfreies Beobachten entsteht Raum für Wandlung, Kreativität, Leben. Und nichts im Leben ist so sicher wie die Veränderung. Doch kreatives Denken muss man zulassen. Es geschieht einfach und lässt sich nicht erzwingen, an Ergebnissen orientieren. Kreativität ist Leben. Sie ist zutiefst menschlich und nicht nur «Berufs-Kreativen» und Künstlern vorbehalten.
             Kreativität braucht aber Raum und Zeit, um sich zu entfalten und Ideen heranwachsen und reifen zu lassen. Und sie braucht einen offenen Geist, der unfertige Ideen, quere Gedanken zulässt, ohne sie sogleich zu schubladisieren, kritisieren und abzuwerten, denn: «Es gibt keine Zufälle, es gibt nur, was einem zufällt.» (Zitat von Max Frisch)

Begleitetes Malen
Doch zuerst gilt es, die Leere auszuhalten. Das lässt sich üben beim Meditieren oder aber beim Begleiteten Malen. Malen heisst Spuren hinterlassen. Der Mensch malt seit Urzeiten, so wie er seit Urzeiten spricht, singt, tanzt und sich bewegt. Jedes Kind malt, wenn es die Werkzeuge dafür zur Hand hat. Malen ist unabdingbar für die gesunde Entwicklung eines Kindes. Die meisten Erwachsenen haben es aufgegeben, weil ihnen der innere Kritiker weismachte, es nicht zu können und keinen Spass daran zu finden.
             Malen ist ein menschlicher Ausdruck. Das Gemalte wiederum hinterlässt in unserem Gehirn einen Eindruck. Wir agieren und reagieren. Der Dialog mit dem Bild gleicht einem Tanz. Anders als beim Meditieren, wo die Gedanken abdriften können, hält uns die Auseinandersetzung mit dem Bild beim Malen im Jetzt. Das Erleben ist unmittelbar. So treten wir übers Malen in Resonanz, in Kontakt mit unserem Bild und damit uns selbst, unserem Tun, unseren Gedanken, Gefühlen und unseren Entscheidungen. Letztere sind es, die uns schliesslich ausmachen. Denn genauso wie wir Entscheidungen auf dem Bild treffen, so treffen wir Entscheidungen in unserem Leben. Auf dem Bild können wir gefahrlos üben, ungewohnte Entscheidungen zu treffen, Neues auszuprobieren.
             Natürlich können wir auch malen ohne Begleitung. Doch dann ist unser Bild schutzlos dem inneren Kritiker ausgeliefert. Wir malen nur noch, was wir bereits wissen, ärgern uns allenfalls über die eigene Ungeschicklichkeit und geben schnell wieder auf. Beim Begleiteten Malen hingegen lernen wir, dem ersten Impuls zu folgen. Wir malen mit der ungeübten Hand direkt mit den Fingern. Damit besänftigen wir die eigenen Ansprüche und stimulieren die Hirnhemisphäre, die für Intuition und vernetztes Denken, also für Kreativität, zuständig ist. Wir gehen immer mit dem, was gerade ist und vertrauen auf den ersten Impuls. Der nächste Schritt ist immer der wichtigste. Wir müssen nicht im Voraus wissen, wie das Bild aussieht, bevor es fertig ist.
             Und genau dieses «Nichtwissen» ist so schwer auszuhalten. Wir sind uns so gewohnt vorauszudenken, dass wir uns ohne Plan verloren fühlen. Der erste Impuls kann eine konkrete Idee sein (z.B. ein Haus zu malen) oder einfach nur die Wahl einer Farbe. Wir beginnen immer mit dem, was wir zuerst gesehen haben, ohne zu bewerten (z. B. «ein Haus ist naiv» oder «rot ist aggressiv»). Die Kunst dabei ist es, offen zu bleiben und dem Impuls zu vertrauen und folgen. Wir haben nichts zu verlieren. Es braucht Mut, sich der Leere, dem «Nichtwissen» zu stellen, geduldig alle vorbeiziehenden Gefühle und Gedanken auszuhalten und dabei langsam und stetig weiter zu malen. Es ist wie ein ergebnisoffenes Imaginieren, nur dass dabei etwas Sichtbares entsteht, mit dem wir wiederum in Beziehung, Resonanz treten. Das ist echtes Erleben. Aber auch anstrengend und unangenehm, solange sich der innere Kritiker immer wieder einmischt.
             Mit der Zeit und durch die Übung wird er sich aber damit abfinden, dass seine Meinung bei dieser Art von Malen nicht gefragt ist und verstummt langsam. Dann kommt dieser wunderbare Flow. Man fragt sich nicht mehr, warum und woher der nächste Impuls kommt, sondern führt ihn einfach aus, bis der nächste kommt. Man wird zum Beobachter seines eigenen Tuns. Manche Entscheidungen amüsieren, erfreuen, andere lösen Unruhe, Angst oder Ärger aus. Wir halten die Gefühle aus und lassen sie weiterziehen, ohne unsere Entscheidungen auf dem Bild von ihnen beeinflussen zu lassen.
             Ob etwas gefällt oder nicht, ist kein Kriterium. Das Neue und Ungewohnte gefällt in der Regel nicht auf Anhieb. So entstehen seltsam fremde Bilder, die wir doch selbst gemalt haben. Hängen wir sie auf und gewöhnen uns an sie, eröffnet uns ihre Betrachtung ungeahnte Quellen der Inspiration. Plötzlich entdecken wir an uns Qualitäten und ungeahnte Talente in anderen Bereichen unseres Lebens. Das Begleitete Malen hat in unserem Hirn neue neuronale Verknüpfungen geschaffen und vertieft, quasi unseren Horizont erweitert. Wir haben den Zugang zur Quelle unserer eigenen Schöpfungskraft wieder entdeckt.

Kreativität braucht regelmässiges Üben
Um dahin zu gelangen, braucht es Übung. Leider führt kein Weg an der Auseinandersetzung mit dem inneren Kritiker vorbei. Doch die Anstrengung lohnt sich! Durch die wiederholte und regelmässige Auseinandersetzung mit sich selbst übers Bild schaffen wir uns eine kreative Oase, einen Raum, wo wir uns berühren lassen und echten Kontakt erleben können. Die beim Malen entstandenen neuronalen Verknüpfungen bleiben auch im Alltag aktiv und eröffnen uns alternative Entscheidungsmöglichkeiten, an die wir vorher nie gedacht hätten.
             Schliesslich werden Sie feststellen, dass es ähnlich ist wie mit Sport. Je mehr wir Sport treiben, desto mehr verlangt unser Körper nach den Hormonen, die dabei ausgeschüttet werden. Wer diese Art freies, offenes Malen, diesen Flow erlebt hat, wird ihn immer wieder suchen und nie genug davon bekommen.

Versuchen Sie es! Begleitetes Malen können Sie in der Gruppe oder im Einzel erleben. Ich freue mich auf Sie!

Claudia Zürcher, Kunsttherapeutin, malatelier8.ch

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