Alles was Sie über Psychotherapie wissen sollten

Begriffe wie “Psychiater”, „Psychotherapeut“, “Psychologe” oder „Psychologischer Berater“ werden oft synonym gebraucht, was leider falsch ist. Wichtig ist vor allem zu unterscheiden, wer eine Psychotherapie anbieten darf. Was sich hinter dem Begriff "Psychotherapie" verbirgt, wer sich wie nennen darf, welche verschiedenen Methoden für wen geeignet sind und welche Kosten die Grundversorgung übernimmt, erfahren Sie hier.

Psychotherapie bei Psychotherapeuten oder Psychologen?

1. Was ist Psychotherapie?

Das Wort "Psychotherapie" bedeutet wörtlich übersetzt „die Behandlung der Psyche“ oder „die Behandlung von psychischen Problemen“. Mithilfe verschiedener, wissenschaftlich fundierter, psychologischer Methoden, behandelt die Psychotherapie Störungen des Denkens, Fühlens, Erlebens und Handelns. Belastende psychische Störungen oder Beeinträchtigungen können reduziert oder vollständig geheilt werden. Eine Psychotherapie ist ein gezielter, geplanter und systematischer Behandlungsprozess basierend auf Gesprächen. Grundlage einer erfolgreichen Psychotherapie ist ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Therapeut/-in und Patient/-in. Im Verlauf einer Psychotherapie setzt sich der Patient unter Anleitung der Psychotherapeutin oder des Psychotherapeuten mit den Faktoren seines Leidens auseinander. Es eröffnen sich neue Wege, das eigene Handeln und Erleben nachhaltig zu beeinflussen und den Leidensdruck zu reduzieren. Die Aufgabe des Psychotherapeuten ist es, diesen Prozess zu steuern und den Klienten zu befähigen, psychischen Leidensdruck zu verhindern oder besser damit umgehen zu können.

2. Was Psychotherapie nicht ist

Eine Psychotherapie kann klar von allen beratenden Methoden abgegrenzt werden. Psychologische Beratungen, die beispielsweise persönliche Lebenskrisen begleiten oder in herausfordernden Situationen begleiten, ohne dass eine psychische Störung vorliegt, werden nicht als Psychotherapie bezeichnet. Dazu zählen unter anderem: Life Coaching, Familienberatung, Mentaltraining, Berufs- und Laufbahnberatung, Erziehungsberatung, Führungscoaching etc.

3. Wem hilft Psychotherapie?

Zu den geläufigsten Störungen, bei denen eine Psychotherapie wissenschaftlich erfolgreich und nachgewiesen zum Einsatz kommt, zählen:

  • Stressbedingte Störungen (Depression, Burnout usw.)
  • Psychosomatische Störungen (körperliche Beschwerden oder Störungen aufgrund psychischer Probleme)
  • Ängste (Panikattacken, Phobien, soziale Ängstlichkeit usw.)
  • Zwangsstörungen
  • Trauma (Missbrauch, Unfall, Verlust usw.)
  • Ergänzend mit anderen Behandlungsmethoden: Suchterkrankungen (Essstörungen, Alkoholkonsum, Drogenmissbrauch usw.) 
  • Verhaltensstörungen (vor allem bei Kindern und Jugendlichen)
  • Nur bedingt: schwere psychische Störung (Schizophrenie, Persönlichkeitsstörungen usw.)

An diese Beispiele reihen sich weitere Krankheitsbilder von psychischen Störungen, die in zwei weltweit etablierten Klassifikationssystemen beschrieben sind:Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) undDiagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen (DSM-5) der American Psychiatric Association (APA).

4. Wann ist eine Psychotherapie sinnvoll?

Pauschal lässt sich die Frage nicht immer leicht beantworten. Indikatoren, die für eine Psychotherapie sprechen, sind:

  • Psychische Probleme, die Leiden verursachen
  • Wenn der Gesundheit durch das erlebte psychische Leiden Schaden zugefügt wird. 
  • Sollten Konflikte schon eine längere Zeit den Alltag negativ beeinflussen.
  • Falls eine schwere körperliche Erkrankung (z.B. Krebs) starke psychische Belastungen hervorruft.

Sollte eine Psychotherapie in Erwägung gezogen werden, so ist der freie Wille des Klienten eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg der Behandlung. Eine Psychotherapie findet ambulant statt, wenn der Betroffene sowohl körperlich also auch geistig dazu in der Lage ist. Patienten mit Suizidgefahr zum Beispiel werden stationär behandelt.


5. Berufsbezeichnungen nach dem Psychologie- oder Medizinstudium

Wer sich Psychologe oder Psychologin nennen darf, ist in der Schweiz im Psychologieberufegesetz (PsyG) seit 2013 geregelt. Als Laie ist es trotzdem nicht immer leicht zu unterscheiden, wer sich "Psychiater", "Psychotherapeut" oder "Psychologe" nennen darf.

5.1 Psychologe

Auch wenn sich beide Begriffe sehr ähneln, gibt es einen grundlegenden Unterschied zwischen den Titeln „Psychologe“ und „Psychotherapeut“. Als Psychologen dürfen sich nur diejenigen bezeichnen, welche an einer schweizerischen Universität oder Fachhochschule einen Abschluss in Psychologie erworben haben (mindestens Master- oder Lizenziat). Falls der Psychologe einen äquivalenten Abschluss im Ausland vorweisen kann, muss die Eidgenössische Psychologieberufekommission den Abschluss anerkennen, damit die Berufsbezeichnung Psychologe/-in in der Schweiz verwendet werden darf.

5.2 Psychotherapeut

In der Schweiz ist ebenfalls gesetzlich festgelegt, wer den Titel "Psychotherapeut" verwenden darf. Nach einem Hochschulabschluss in Psychologie oder Medizin können sich Psychologen oder Mediziner durch vom Bund anerkannte Weiterbildungen, zum Fachpsychologen oder Facharzt (siehe unten) weiterbilden lassen. Für die Behandlung von psychischen Störungen benötigen sowohl Psychologen als auch Ärzte eine solche Weiterbildung sowie eine kantonale Praxisbewilligung, um psychotherapeutische Behandlungen durchführen zu können. Psychologen können psychologische Beratungen ohne eine kantonale Praxisbewilligung anbieten, eine Praxisbewilligung braucht es nur für Psychotherapeuten.

Delegiert arbeitende psychologische Psychotherapeuten

Ein delegiert arbeitender psychologischer Psychotherapeut ist bei einem Arzt angestellt und rechnet über diesen bei der Grundversicherung der Krankenkassen ab (wird ab Januar 2023 nicht mehr möglich sein, siehe oben). Ein grosser Teil der psychologischen Psychotherapeuten rechnet heute so ab. Es gibt aber auch selbständige psychologische Psychotherapeuten, deren Leistungen zu einem Teil - nicht ganz -  von den Zusatzversicherungen der Krankenkassen übernommen werden oder deren Klienten selbst bezahlen.

5.3 Psychiater

Ein Psychiater ist ein Arzt mit einer Facharztweiterbildung in "Psychiatrie und Psychotherapie". Er hat nach seinem Medizinstudium eine psychiatrische inkl. psychotherapeutische Weiterbildung absolviert. Im Gegensatz zum nichtärztlichen bzw. psychologischen Psychotherapeuten ist der Psychiater unter anderem berechtigt, Medikamente zu verschreiben. Psychologen oder psychologische Psychotherapeuten dürfen dies nicht. Zudem rechnet ein Psychiater über die Grundversicherung ab (ändert ab Juli 2022: ab diesem Zeitpunkt sind auch psychologische Psychotherapeuten ohne eine Anstellung bei einem Arzt zur Grundversicherung zugelassen).

5.4 Psychologische Berater

Bezeichnungen wie „Berater“ oder „Psychologischer Berater“ sind im Gegensatz zum "Psychiater", "Psychotherapeuten" oder "Psychologen" gesetzlich nicht geschützt. Ein psychologischer Berater bietet Beratungen bei beispielsweise sozialen Konflikten, zur Persönlichkeitsentwicklung oder Krisenbewältigung an, nie aber eine Psychotherapie. Beratungen werden von der Grundversicherung der Krankenkassen nicht übernommen.

6. Woran erkennen Sie einen qualifizierten Psychotherapeuten?

Alle Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in der Schweiz benötigen eine eidgenössische Anerkennung bzw. einen entsprechenden eidgenössischen Weiterbildungstitel in Psychotherapie oder einen Facharzttitel Psychiatrie und Psychotherapie.

Basierend auf der eidgenössischen Anerkennung vergeben die drei grossen psychologischen und psychotherapeutischen Berufsverbände eigene Fachtitel, die vor allem die Verpflichtung zur regelmässigen Fortbildung und zur Einhaltung von berufsethischen Standards verpflichten:

  • Psychotherapeut/-in FSP (Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP)
  • Psychotherapeut/in SBAP (Schweizerischer Berufsverband für angewandte Psychologie SBAP)
  • Psychotherapeut/-in ASP(Assoziation Schweizer Psychotherapeuten ASP)

Der Berufsverband der Ärzte FMH vergibt den medizinischen Fachtitel Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und separat Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.

7. Welche Methoden gibt es in der Psychotherapie?

Die Wurzeln der Psychologie und der Psychotherapie reichen weit in die Vergangenheit zurück. Ab dem 20. Jahrhundert entwickelte sich die Psychologie und Psychotherapie rasant. Sie wurde nicht nur eine anerkannte Wissenschaft, auch zahlreiche und ganz unterschiedliche Methoden der Psychotherapie entstanden. Zu den anerkannten und weit verbreiteten psychotherapeutischen Verfahren zählen: Verhaltenstherapie, die analytische und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, die Gesprächspsychotherapie, die systemische Therapie und sogenannt humanistische Verfahren.

Welche Psychotherapie für welchen Klienten und welche Störungen infrage kommt, muss individuell entschieden werden. Viele Psychotherapeuten arbeiten heute methodenübergreifend, sodass in ihrer Psychotherapie verschiedene Elemente einzelner Therapieformen integriert sind.

8. Was bezahlt die Krankenkasse?

In der Regel übernimmt die Grundversicherung bzw. die obligatorische Krankenpflegeversicherung OKP die Kosten für eine Psychotherapie, sofern sie zur Behandlung einer psychischen Krankheit notwendig ist und die Psychotherapie von einem Psychiater oder über einen Psychotherapeuten, der bei einem Arzt angestellt ist, durchgeführt wird.

Die Kosten für den Patienten setzen sich in der Regel aus der ordentlichen Franchise (wählbar, mind. 300 Franken, max. 2'500 Franken pro Jahr) und dem Selbstbehalt von 10 Prozent des verbleibenden Rechnungsbetrags (max. 700 Franken pro Jahr) zusammen. Falls Sie eine Zusatzversicherung abgeschlossen haben und die Psychotherapie nicht von der Grundversicherung übernommen werden kann, können Sie bei Ihrer Krankenkasse anfragen, ob die Kosten der Therapie aus der Zusatzversicherung bezahlt werden können.

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